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Srebrenica 20 Jahre nach dem Völkermord

10/07/2015 von Steve Crawshaw (Internationales Amnesty-Sekretariat in London)

Bis vor zwanzig Jahren war die Bevölkerung von Srebrenica auf umstrittenem bosnischen Gebiet mehrheitlich muslimisch. Dann griffen die Serben an und sorgten dafür, dass der Ort traurige Berühmtheit erlangte.

Steve Crawshaw ist Direktor des Büros des Generalsekretärs von Amnesty International in London. Früher war er als Osteuropa-Korrespondent für die britische Tageszeitung The Independent tätig.

 

Srebrenica. Bei einer Fahrt durch Ostbosnien spürt man zunächst nichts als den Zauber einer verschlafenen Balkanregion. Die Landschaft besteht aus bewaldeten Hügeln, kleinen Bauernhöfen, dicht behangenen Pflaumenbäumen. Die Straße schlängelt sich neben Maisfeldern und der leise murmelnden Drina dahin. Aus den Wäldern dringt Vogelgezwitscher. Alles ist friedlich.

Doch wie so häufig trügt der Schein. Vor zwanzig Jahren wurden inmitten dieser Idylle die schlimmsten Verbrechen begangen, die Europa seit 1945 gesehen hatte. Die Welt wandte sich ab, als in Srebrenica und der unmittelbaren Umgebung ein Völkermord verübt wurde.

In den Tagen nach dem 11. Juli 1995, als Srebrenica von bosnisch-serbischen Streitkräften eingenommen worden war, wurden dort mehr als 8.000 Männer und Kinder auf grausame Weise getötet. Fast eine Generation später müssen wir uns immer noch fragen, ob diese Wunden jemals heilen werden.

Die bosnischen Serben gingen beim Töten ihrer muslimischen Nachbarn methodisch und blutrünstig vor. Bei der Ankunft in Srebrenica verkündete Ratko Mladić, der General der bosnischen Serben, vor seinen Männern: „Wir übergeben diese Stadt der serbischen Nation... Es ist an der Zeit, uns an den Türken zu rächen.“ (Kleine historische Fußnote: die bosnischen Muslime sind ethnische Slawen.) Dem darauf folgenden Massaker an der Bevölkerung von Srebrenica waren drei erdrückende Jahre der Belagerung vorangegangen.

Bosnische Frauen und Kinder fliehen im März 1993 aus der von Serben belagerten Stadt Srebrenica in die Stadt Tuzla.

Zwei Jahre bevor die Stadt eingenommen wurde hatte Philippe Morillon, der Kommandant der UN-Schutztruppen (UNPROFOR), den Menschen in Srebrenica persönlich versichert, dass die Vereinten Nationen ab sofort für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen würden. Der UN-Sicherheitsrat erklärte die Stadt zur UN-Schutzzone. Ein ehemaliger Bewohner der Stadt erinnert sich noch genau an die Erleichterung, die er damals bei Morillons Worten empfand: "Ich hielt es für einen Grund zum Feiern. Ich fühlte mich, als sei ich ein zweites Mal geboren worden."
Die Realität sah leider anders aus.

Als die bosnisch-serbischen Streitkräfte in Srebrenica einfielen, forderten die niederländischen Friedenssicherungskräfte der Vereinten Nationen Luftunterstützung an, die jedoch nicht gewährt wurde. Die Friedenssicherungskräfte diskutierten mit den Serben. Dann flohen sie. An den nun folgenden Tagen war die nunmehr schutzlose Bevölkerung den bosnisch-serbischen Streitkräften hilflos ausgeliefert. Diese gingen sehr gründlich vor: Als bei einer Massenhinrichtung einmal die Kamerabatterien leer waren, wurde das Morden so lange unterbrochen, bis man neue Batterien besorgen und weiterfilmen konnte.

In einer von vielen haarsträubenden Szenen filmten Angehörige der bosnisch-serbischen Streitkräfte einen verängstigten bosnischen Muslim, der mit trauriger Stimme seinem Sohn – und allen anderen, die sich mit ihm versteckt hatten – über die Felder zurief, er solle doch aus seinem Versteck im Wald herauskommen.

"Nermin, ich bin hier!", rief Ramo Osmanovic, während seine Peiniger danebenstanden und ihm befahlen, was er sagen sollte. "Komm runter, Nermin! Es gibt keinen Grund, Angst zu haben!" Die sterblichen Überreste von Vater und Sohn wurden später in Massengräbern gefunden.

Die Berichte der Überlebenden sind grauenhaft. Ein Richter des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag bezeichnete sie später als "Szenen aus der Hölle, festgehalten auf den dunkelsten Seiten der Geschichte". Die Menschen, die sich aus ihren Verstecken wagten, wurden erschossen, gehängt oder gefoltert und dann zum Sterben zurückgelassen – manchmal mitsamt einer versteckten Sprengladung, um auch noch diejenigen zu töten, die ihnen zu Hilfe kommen wollten. Die Leichen wurden mit Bulldozern aufgehäuft und dann im Umland in Gruben gekippt.

In mancher Hinsicht fühlt es sich so an, als ob wir dieses dunkle Kapitel nun hinter uns lassen können. Zum Gedenken an die damals begangenen Verbrechen, die von internationalen Gerichten als Völkermord eingestuft wurden, werden am 11. Juli in Srebrenica Gedenkfeiern abgehalten, an denen tausende Überlebende sowie politische Persönlichkeiten aus der ganzen Welt teilnehmen werden. Vor wenigen Tagen wurde im UN-Sicherheitsrat über einen von Großbritannien eingebrachten Resolutionsentwurf abgestimmt, der den Genozid scharf verurteilt. (Serbien hatte an Russland appelliert, sein Veto einzulegen, was es auch getan hat. Die Resolution ist somit blockiert.)

Srebrenica kann jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr gingen den dortigen Ereignissen jahrelang tödliche Geschehnisse voraus. So erließen beispielsweise die Behörden von Čelinac im Norden Bosniens im Juli 1992 eine Reihe von Verordnungen, die mehr als deutlich machten, aus welcher Richtung der Wind wehte: Nicht-Serben durften sich nach 16.00 Uhr nicht mehr draußen aufhalten und in den Flüssen weder fischen noch baden. Sie durften sich nur in Gruppen zusammenfinden, die nicht mehr als drei Personen umfassten. Man verbot ihnen, Immobilien zu verkaufen oder zu tauschen und mit Personen außerhalb der Stadt zu kommunizieren – um nur einige Beispiele zu nennen. All dies in einer Sprache, die den deutschen Nationalsozialisten in nichts nachstand. Und zu guter Letzt: "Bei Nichtbefolgung dieser Regeln drohen die gesetzlich festgelegten Sanktionen."

Der Begriff "ethnische Säuberung" wurde als offizieller Euphemismus eingeführt. Genau wie der Begriff "Endlösung" fünfzig Jahre zuvor entwickelte sich dieser Euphemismus schnell zu einem Codewort für eine tödliche Realität: eine Kombination aus Angst, Flucht und Mord.

Angehörige und Freunde trauern um ein elfjähriges muslimisches Mädchen, das von einem serbischen Scharfschützen in Sarajevo erschossen wurde (17. September 1995).

Zu dieser Zeit führte ich ein surreales Interview mit Radovan Karadžić, dem damaligen Präsidenten der serbischen Republik. Er versicherte mir unter anderem, dass in den Hügeln um Sarajevo keine serbischen Scharfschützen auf der Lauer lägen. (In Wahrheit war es so, dass die Bevölkerung der bosnischen Hauptstadt von Scharfschützen terrorisiert wurde – ich persönlich und viele weitere Augenzeugen können dies bestätigen.) Karadžić erklärte, dass die ethnische Säuberung der Muslime "human" ablaufe. "Wir lassen sie ziehen", sagte er mir fröhlich, "mitsamt Gepäck und allem."

Konzentrationslager, Massenvergewaltigungen, ethnische Säuberungen im ganzen Land. So sah die Realität über die nächsten Jahre hinweg aus. Die internationale Gemeinschaft sah hilflos zu und begnügte sich damit, fortlaufend von neuen "Friedensabkommen" in Genf oder anderswo zu sprechen.

Nach drei Jahren des Zögerns und Zauderns wurde die Welt durch die Ereignisse von Srebrenica – und dem damit einhergehenden internationalen Aufschrei – endlich wachgerüttelt. Auf einem Militärflughafen in Dayton im US-Bundesstaat Ohio wurde mit allen am Bosnienkrieg beteiligten Parteien ein Friedensvertrag unterzeichnet. Der dreijährige Krieg, der zehntausenden Zivilpersonen das Leben gekostet hatte, war endlich zu Ende. Es schien, als ob die Menschen in Bosnien und auch in Srebrenica nun endlich wieder nach vorne sehen könnten.

Heute gibt es in Srebrenica eine Gedenkstätte für die Opfer des Völkermords. In der ehemaligen Fabrik, die den Vereinten Nationen als Basis diente, finden Ausstellungen statt. Es wurde ein Friedhof angelegt, auf dem in den vergangenen Jahren die sterblichen Überreste tausender Menschen bestattet wurden, die zuvor aus anonymen Gräbern exhumiert worden waren.
Auch auf internationaler Ebene, so schien es, war die Stunde gekommen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Slobodan Milošević, der damalige Präsident der Republik Serbien, wurde wegen Völkermordes vor Gericht gestellt und starb in Haft. Einige Jahre zuvor hatte er sich mir gegenüber noch überrascht gezeigt, als ich ihn fragte, ob er sich vielleicht eines Tages vor einem Kriegsverbrechertribunal verantworten müsse. Er sei aber doch "für den Frieden", hatte er mir damals erklärt. Nachdem Mladić und Karadžić jahrelang untergetaucht waren, stehen sie heute beide in Den Haag wegen Völkermordes unter Anklage. Das Urteil gegen Karadžić wird in wenigen Monaten erwartet. Die Urteilssprüche in diesen beiden Fällen werden hoffentlich dafür sorgen, dass die Überlebenden dieser Verbrechen wieder nach vorne sehen können.

Doch wenn man Srebrenica heute besucht, wird deutlich, dass immer noch viel zu tun ist. Vor dem Krieg war die Bevölkerung Srebrenicas zu 75 % muslimisch. Heute ist die Mehrheit serbisch. Und das Interesse an der Aufarbeitung und Bewältigung der Vergangenheit hält sich bei den meisten von ihnen in Grenzen.

Wenige Kilometer nördlich von Srebrenica liegt das Dorf Kravica. Nicht weit von der Hauptstraße entfernt findet man eine Ansammlung von Gebäuden. An einem von ihnen ist ein verblichenes Schild angebracht, auf dem "Landwirtschaftsgenossenschaft Kravica" steht – eine Genossenschaft, die hier vor dem Krieg ihren Sitz hatte. Zwischen den landwirtschaftlichen Geräten grasen Kühe und Ziegen. Auf den ersten Blick erscheinen diese Gebäude nicht weiter bemerkenswert. Auf den zweiten Blick bemerkt man jedoch, dass die Wände mit Einschusslöchern übersät sind.

Hier wurden 1995 mehr als 1.000 muslimische Männer und Jungen aus Srebrenica getötet. General Ratko Mladić hatte den Männern gesagt, man würde sie auf bosnisches Gebiet bringen und mit ihren Familien zusammenführen. Stattdessen wurden sie hingerichtet, mit Maschinengewehren und Handgranaten. Ein Überlebender der Ereignisse von Kravica schilderte vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, wie er "über Leichen steigen" musste, um zu überleben.

Zerstörte Moschee in Srebrenica im April 1996.

All dies ist historisch belegt. Spricht man jedoch mit den Einheimischen, will niemand von etwas gewusst haben. Eine Frau, die in Kravica Tiere versorgt, erklärt mir: Sie war damals nicht hier, sie hat nichts gehört, sie weiß von nichts. (Ja, es kämen häufig Besucher aus dem Ausland, um das Gelände zu besichtigen und Fragen zu stellen, bestätigt sie mir. Aber sie war nicht hier, sie hat nichts gehört, sie weiß von nichts.) Erst als ich Mladić und Karadžić erwähne, wird die Frau emotional. Niemals hätte man sie nach Den Haag schicken sollen, sagt sie. Mladić und Karadžić hätten lediglich "das serbische Volk verteidigt".

In einem serbischen Café in Srebrenica werden ganz ähnliche Töne angeschlagen. Ein 43-jähriger Mann sagt: "Mladić und Karadžić sind Helden für uns." Mladić habe "tausenden Zivilpersonen das Leben gerettet". Alles andere, empört sich ein anderer Mann, seien "Lügen und Hirngespinste".
Die Kundschaft hier möchte viel lieber über Naser Orić sprechen, einen bosnischen muslimischen Militärkommandeur, der vergangenen Monat in der Schweiz festgenommen wurde und sich ebenfalls wegen Kriegsverbrechen verantworten muss. Auf serbischer Seite habe man vielleicht ein paar "Fehler" gemacht, räumen die Männer ein, das sei aber auch schon alles. Einer der Männer arbeitet in einer Fabrik direkt neben der Gedenkstätte. Nein, sagt er, er habe nie die Ausstellung besucht, um sich über die Fakten hinsichtlich der Ereignisse von Srebrenica zu informieren.

Der Widerwille, nach furchtbaren Verbrechen der Wahrheit ins Auge zu sehen, ist natürlich nicht neu. Martha Gellhorn berichtete im April 1945 mit mehr als nur einer Prise Sarkasmus aus Deutschland: "Keiner ist ein Nazi. Keiner war jemals einer ... Wir haben nichts gegen die Juden, wir sind immer gut mit ihnen ausgekommen ... Man sollte es glatt vertonen."

Doch ganz abgesehen von dem offensichtlichen Unterschied im Ausmaß der begangenen Verbrechen – Millionen Menschenleben im einen Fall, "nur" Zehntausende im anderen – gibt es noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen dem Nachkriegsdeutschland und den heutigen Balkanstaaten. Zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs in Deutschland eine neue Generation heran, die langsam anfing, die eigene Vergangenheit mit kritischem Blick zu betrachten.

Bundeskanzler Willy Brandt, der sich von Anfang an gegen den Nazismus gewandt hatte, fiel bei seinem Besuch im ehemaligen Warschauer Ghetto 1970 auf die Knie, um für sein Land um Vergebung zu bitten – ein historisches Ereignis, das als Kniefall von Warschau bekannt wurde. Er tat dies damals trotz einer gegenläufigen Stimmung in Deutschland: Meinungsumfragen zufolge waren die meisten Deutschen gegen die Versöhnungsgeste. Doch diese bewundernswerte Geste von Willy Brandt war gleichzeitig der Beginn einer historischen Offenheit und damit die Grundlage für das stabile und friedliche Deutschland, das wir heute kennen.

Am 7. Dezember 1970 kniete Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto.

Im Gegensatz dazu gibt es in der heutigen serbischen und bosnisch-serbischen Führungsriege wenig Hoffnung auf einen Willy Brandt – auf eine Führungspersönlichkeit, die versteht, wie wichtig größere Offenheit für alle Seiten ist, und die sich nicht scheut, für dieses Ziel politische Risiken einzugehen.

Dennoch lässt sich ein schwaches Licht am Ende des Tunnels ausmachen. Milorad Dodik, der Präsident der Republika Srpska (der Entität, zu der Srebrenica heute gehört), sprach im April bei einem Besuch in Srebrenica von begangenen "Verbrechen" und sagte, er "bedauere das Schicksal aller Opfer". So richtig reumütig hörte er sich dabei jedoch nicht an. Und vor Kurzem bezeichnete er die Fokussierung auf Srebrenica als "die größte Täuschung des 20. Jahrhunderts".

Die von Belgrad ausgesandten Botschaften klingen ähnlich gemischt. Der serbische Präsident Tomislav Nikolić gab 2013 ein Interview, in dem er sich erstmals für begangene "Verbrechen" entschuldigte, in vielerlei Hinsicht ein großer Fortschritt. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass es sich nicht um einen Völkermord gehandelt habe. Und das ist mehr als nur ein feines Detail. Die politische Führung Serbiens und die der Republika Srpska weigern sich nicht nur de facto, sondern auch im übertragenen Sinne, zuzugeben, wo die Leichen vergraben sind.

Es kommt wenig Rückhalt – und noch weniger Druck – aus der Politik, der Menschen dazu ermuntern würde, offen über vergangene Ereignisse zu sprechen. Eher im Gegenteil. Ein anschauliches Beispiel für das hartnäckige Stillschweigen ist ein Massengrab, das in den letzten beiden Jahren im Norden Bosniens entdeckt und freigelegt wurde.

Auf einem Minengelände im Dorf Tomasica, nicht weit von den berüchtigten serbischen Straflagern Omarska und Trnopolje entfernt, wurden hunderte Leichen exhumiert. Das Massengrab wurde nur deshalb gefunden, weil einer der Verantwortlichen nicht länger schweigen konnte. Seinen Angaben zufolge wird er seit zwanzig Jahren von den Augen eines Mädchens heimgesucht, das er damals getötet hat.

Ein Journalist des "Balkan Investigative Reporting Network", einer NGO, die sich für Wahrheitsfindung, Gerechtigkeit und Versöhnung in der Region einsetzt, kam während der Exhumierungen nach Tomasica. Dort wollte niemand mit ihm über die historischen Ereignisse sprechen. Ein Mann zitierte ein bosnisches Sprichwort: "Sag nichts, jemand kann dich hören."

Dieser Widerwille, das Schweigen über die Ereignisse in Srebrenica oder über Tötungen anderswo im Land zu brechen, bedeutet für viel zu viele Menschen, dass sie nicht nur mit dem Verlust eines geliebten Menschen leben müssen, sondern auch mit dem Schmerz, nicht angemessen um diesen Menschen trauern zu können, da dieser effektiv Opfer des Verschwindenlassens geworden ist und es kein Grab gibt, das sie besuchen könnten.

Gedenkstätte in Potočari für die Opfer des Srebrenica-Massakers vom Juli 1995.

Anlässlich des 20-jährigen Jahrestags des Massakers von Srebrenica ruft Amnesty International eine neue Kampagne ins Leben, um sich für die geschätzt 8.000 Personen einzusetzen, die in ganz Bosnien nach wie vor als vermisst gelten, darunter auch 1.000 Menschen aus Srebrenica. Vor dem aktuellen Hintergrund wird dies jedoch kein leichtes Unterfangen werden, nicht zuletzt wegen der politischen Taktiererei auf beiden Seiten – in Bosnien und in Serbien.

Vor 23 Jahren schrieb ich für das Independent Magazine einen Artikel mit dem Titel "Die Hoffnung stirbt in Sarajevo" ("Hope Dies in Sarajevo“) darüber, wie aus bosnischer Sicht die Welt damals die Augen vor ihrem Schicksal verschloss. Die internationale Gemeinschaft hat damals versagt, indem sie sich weigerte, den nötigen Druck auszuüben. Heute herrscht in Bosnien eine beinahe trügerische Stille. Doch wenn uns an Stabilität in der Balkanregion gelegen ist, müssen wir dringend erkennen, dass Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit dort heute noch genauso wichtig sind wie eh und je.

Bild oben:

Eine betende Muslima steht vor 520 Särgen mit den sterblichen Überresten von Opfern des Massakers, bevor sie in einer Zeremonie auf dem Gelände der Gedenkstätte Potocari beigesetzt werden (Juli 2012).

© AFP/Getty Images