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Die Erinnerung an Gewalt

13/02/2015 von Nicolas Chevreux

"Die Eliten sind nicht für die Wahrheit offen", meinte 2005 der indonesische Bürgerrechtler Albertus Suryo Wicaksono in einem Interview mit Amnesty International. Zwei Dokumentarfilme über Erinnerungsarbeit im heutigen Indonesien und ein Dialog zwischen zwei Regisseuren während der Berlinale 2015 stellen die Frage nach den Beziehungen zwischen Gewalt, Schuld und der Rolle der Bilder.

37 Jahre nach seiner Premiere wurde "The Memory Of Justice", der lange als verloren gegoltene Dokumentarfilm von Marcel Ophüls, in einer restaurierten Fassung während der Berlinale 2015 vorgeführt und sein Regisseur mir der goldenen Kamera ausgezeichnet. Drei Tage zuvor war "The Look Of Silence" von Joshua Oppenheimer gezeigt worden, vorgestellt als Nachfolger von "The Act Of Killing", der 2013 den Preis für den besten Dokumentarfilm bekam.

Die Anerkennung von Schuld, die Rolle der Bilder und die lange Suche nach Rechenschaft waren die Hauptfragen dieses Treffens. Jenseits ihrer Unterschiede kreisen beide Filme um die für Menschrechtsaktivisten wichtigen Themen von Erinnerung und Schuld. Können die Täter dazu gebracht werden, sich der Verantwortung für ihre Taten zu stellen?

Für "The Memory Of Justice" beschäftigte sich Marcel Ophüls mit den Angeklagten der Nürnberger Prozesse und zeigte, wie sie drei Jahrzehnte nach dem Urteil keine Unterschiede mehr zwischen rechtlicher und moralischer Schuld ausmachen können. Die Mörder, die in "The Act Of Killing" und "The Look of Silence" zu sehen sind, wurden hingegen nie angeklagt. Manche sind hochrangige Politiker geworden, manche sind Kriminelle geblieben: Der Filmdreh ist ihre erste öffentliche Begegnung mit den ethische Fragen ihrer Aktionen (dabei ohne Gefahr von juristischer Rechenschaft). In beiden Fällen schaffen es Ophüls und Oppenheimer, ihre Protagonisten mit ihrem Gewissen zu konfrontieren.

Dafür ermöglichen Bilder eine wichtige Konfrontation zwischen Tätern und Taten. Die Archivfilme der Nazi-Zeit in einem Fall, skurrile Selbstinzinierungen in dem anderen, die Zeugnisse der Opfer in beiden: Durch die Darstellung der Gewalt zeigen Ophüls und Oppenheimer den Mördern die Bedeutung ihrer Verbrechen. Zentral in "The Act Of Killing" ist die Macht dieser Zeugnisse. Die Protagonisten sind eingeladen, ihre Erinnerungen wiederzubeleben, um sie neu zu bewerten.

Für Joshua Oppenheimer ist die genaue Erinnerung an Verbrechen nötig, um das Besondere der Akteure nicht zu verwischen. Ohne sie wird die Vergangenheit zum Mythos. Die Arbeit von Marcel Ophüls zeigt seinerseits, dass ein "Eisberg" entsteht, wo die Frage von moralischer Schuld nicht gestellt ist: Eine ethische Verarbeitung ist Pflicht, um Verbrechen zu verhindern. Diese Filme zeigen dadurch die Wichtigkeit des Kampfes für die Menschenrechte. Nur wenn Verletzungen dokumentiert und erklärt sind, kann die Unantastbarkeit der Menschenwürde respektiert sein.

Bild oben:

Sprachen auf der Berlinale 2015 über die Beziehungen zwischen Gewalt, Schuld und der Rolle der Bilder: Die Regisseure Joshua Oppenheimer (links) und Marcel Ophüls (rechts).

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