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Journalisten in Syrien leben gefährlich, aber wir brauchen sie!

24/08/2014 von Online-Team (Abt. Kommunikation & Kampagnen, Amnesty Deutschland)

Nach drei Jahren Aufständen und bewaffnetem Konflikt in Syrien sieht es oft so aus, als würde die Welt nicht mehr hinschauen. Täglich sterben Menschen, und rund neun Millionen Syrerinnen und Syrer sind Flüchtlinge oder BinnenvertriebeneDennoch ist diese Situation in den Hauptnachrichten-sendungen, den Schlagzeilen und dem öffentlichen Bewusstsein nicht mehr präsent.

Genau deswegen ist die grausame Ermordung des Journalisten James Foley eine solch einschneidende Tat für alle, denen die Menschenrechte in der Region am Herzen liegen. Es ist eine einschneidende Tat, nicht nur weil Amnesty International sie als „Kriegsverbrechen“ bezeichnet, sondern weil sie zeigt, dass Syrien nach fast allen Maßstäben heute der gefährlichste Ort für Journalisten ist.

Es gibt viele Gründe, warum die Weltöffentlichkeit bestimmten Krisen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, aber im Fall von Syrien ist einer der Hauptgründe, dass Journalisten einfach immer seltener von dort berichten können. Nach Angaben der Journalistenorganisation Committee to Protect Journalists (CPJ) sind bei der Berichterstattung über den Konflikt in Syrien bislang mindestens 69 Journalistinnen und Journalisten getötet worden. Über 80 sind entführt worden. CPJ geht davon aus, dass gegenwärtig etwa 20 Journalistinnen und Journalisten in Syrien vermisst werden, viele werden von der bewaffneten Gruppierung Islamischer Staat (IS) gefangen gehalten.

Die Verbrechen werden von beiden Seiten begangen, sowohl den Truppen unter Assad als auch bewaffneten Gruppierungen wie IS, die James Foley ermordet hat. Was diese beiden Gruppen tun, ist wortwörtlich „den Überbringer der Nachrichten erschießen“.

Unter diesen Umständen ziehen viele Nachrichtenagenturen und Medieneinrichtungen ihre Reporter zurück, und diejenigen, die bleiben, sind auf ihren Reisen extrem vorsichtig. Die Konsequenzen sind dann ganz deutlich.

In einem Vortrag an der Northwestern University, an der er selbst studierte, hat James Foley erklärt, warum er über den Nahen Osten berichten will: 

“Wir sind nicht nah genug dran. Und wenn Reporter, wenn wir nicht versuchen, ganz nah an dem dran zu sein, was diese Männer, Frauen, Amerikaner [Soldaten] […] erleben, dann verstehen wir die Welt nicht“

 

Wenn Reporter wie James Foley ihre Arbeit nicht machen können, verbreiten sich schnell wieder stereotype Einstellungen und Vorurteile über Gesellschaften, über die wir nichts wissen. Die Kommentare und Analysen bleiben dann denjenigen überlassen, die die Situation nur aus zweiter Hand kennen. Und wir schenken der Situation dann nicht mehr genügend Aufmerksamkeit.

Das ist schlecht für die Politik und schlecht für die Menschenrechte, weil Aktivismus mit der Dokumentation der Verstöße beginnt. Und dazu leisten Journalisten ihren Beitrag. Das gilt für Syrien genauso wie für Ferguson im US-Bundesstaat Missouri, wenn dort Journalisten festgenommen werden. Wenn Journalisten zum Schweigen gebracht werden, ist das ein Sieg für Diejenigen, die Menschenrechte missachten.

James Foley und andere haben sich der Bedrohung entgegengestellt und er sollte für dieses enorm wichtige Engagement gewürdigt werden. Die beste Art, ihn in Erinnerung zu behalten, wäre es, wenn die internationale Gemeinschaft ihre Anstrengungen verstärkt und sich für den Schutz von Journalisten in Syrien einsetzt. 

Die Gruppierung Islamischer Staat und alle bewaffneten Gruppen müssen alle Zivilpersonen, Aktivisten und Journalisten, wie den US-Kollegen von James Foley, Steven Sotloff, freilassen. Und die Truppen unter Assad müssen ebenfalls ihre Verstöße gegen Journalisten einstellen. Auch Ali Mahmoud Othman, der dem Verschwindenlassen zum Opfer gefallen ist, muss freigelassen werden.

Die Überbringer der Nachrichten müssen weiter arbeiten können.

Geoffrey Mock (Ägypten-Spezialist für Amnesty USA)

Dieser Beitrag ist zuerst auf dem "Human Rights Now Blog" von Amnesty USA erschienen.

Hier geht es zum Bericht "Shooting the Messenger".

Bild oben:

Dieses Foto von 2011 zeigt James Foley in der libyschen Hafenstadt Sirte. 

AFP/Getty Images