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Amnesty hilft Menschenrechtler aus dem Sudan

20/08/2013 von Pamela Klages (Amnesty-Bezirk Hannover)

Seit Ende Mai ist der aus dem Sudan stammende Menschenrechtsverteidiger Bushra Gamar Hussein Rahama für einige Monate zur medizinischen Behandlung in Deutschland. Die Behandlung wurde notwendig, weil Haft und Folter zu einer Schädigung des Rückens geführt haben. Bushra Hussein war bis Juni 2012 ein Jahr lang ohne Anklage inhaftiert, einen Teil der Zeit verbrachte er in Isolationshaft. Er sagt über die willkürliche Inhaftierung, man habe ihn vorbeugend inhaftiert, damit er nicht über geplante Aktionen der Regierung berichten würde. Mehrere Menschrechtsorganisationen, darunter auch Amnesty International, forderten seine Freilassung. Obwohl er den Sudan zu seiner eigenen Sicherheit inzwischen verlassen musste, setzt er sich weiter gegen die Menschenrechtsverletzungen in seinem Heimatland ein.

Pamela Klages ist seit 2010 im Amnesty-Bezirk Hannover aktiv, zusammen mit Henning von Hoerner kümmert sie sich um die Pressearbeit des Bezirks und engagiert sich für einzelne Kampagnen wie zum Beispiel gegen Menschenrechtsverletzungen in den Gastländern der Hannover Messe.

 

Der Sudan gehört zu den Regionen der Welt, die irgendwie immer wieder aus dem Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit zu verschwinden scheinen. Überhaupt: Sudan. Da hat jeder vermutlich sofort die Konfliktregion Darfur im Kopf, denkt vielleicht noch an die Berichterstattung der Konflikte zwischen Sudan und Südsudan.

Aber wer kennt schon die Probleme in Südkordofan oder der an-Nil al-azraq-Region (dt.: "Blauer Nil")? Aber auch in diesen zwei Regionen werden schwerste Menschenrechtsverletzungen begangen, wird die Bevölkerung aus der Luft willkürlich bombardiert und Menschen werden ohne Anklage zum Teil langfristig inhaftiert. Spiegel-Online schrieb schon im März 2012 in dem Artikel Afrikas vergessener Krieg: „Die Welt weiß davon fast nichts - denn hier gibt es weder Blogger noch YouTube-Rebellen.“ Und so ändert sich wenig. Nur die Situation für die Menschen in den Regionen hat sich dramatisch verschlechtert.

Bushra Gamar kommt aus einer dieser Regionen, aus den Nuba-Bergen in Südkordofan. Und so war es so aufregend wie erschreckend die Informationen über die aktuellen Ereignisse aus erster Hand zu bekommen. Denn auch wenn er aufgrund der staatlichen Repressalien inzwischen das Land verlassen musste, ist er in der Nähe geblieben und steht in enger Verbindung mit Menschen in der Region.

See video

"Ich danke allen, dass sie die Mittel für meine Behandlung bereitgestellt haben": Video von Bushra Husseins Besuch im Sekretariat der deutschen Amnesty-Sektion in Berlin im August 2013 (Video auf YouTube ansehen).

Bushra war über viele Jahre in Darfur aktiv. Nachdem er gezwungen war, diese Region zu verlassen, hat er zunächst in seiner Heimatregion im Südkordofan weiter für die Menschenrechte gekämpft. Deswegen wurde er verhaftet und gefoltert. Amnesty International setzte sich mit "Urgent Actions" für seine Freilassung ein.

Auch nach seiner Haftentlassung hat er seine Arbeit sofort wieder aufgenommen. Als dann aber Informationen an ihn herangetragen wurden, dass der Geheimdienst des Sudan erneut Aktionen gegen ihn plant, musste er den Sudan endgültig verlassen. Doch er sammelte auch von von auswärts Berichte über Menschenrechtsverletzungen und setzte und setzt sich so weiter für die Menschen in seiner Heimat ein.

Aus Angst vor erneuter Verfolgung lebte Bushra Gamar Hussein Rahma seit Dezember 2012 in Kampala. Von dort aus reiste er auf Einladung von Amnesty International nach Deutschland, wo er seit Anfang Juli 2013 in Hannover medizinisch behandelt wird. Amnesty will ihm die Möglichkeit geben, in Deutschland seine Gesundheit wiederherzustellen und seine Menschenrechtsarbeit weiterzuführen. Amnesty finanziert seinen Aufenthalt gemeinsam mit anderen Organisationen aus ihrem Hilfsfonds für Menschenrechtsverteidiger. In Hannover wird er ehrenamtlich von Amnesty-Mitgliedern betreut.

"Über das Treffen mit ihr habe ich mich sehr gefreut": Bushra Hussein und Selmin Çaliskan, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, im Berliner Amnesty-Büro, August 2013.

Noch beeindruckender als seine Berichte war für uns alle der Mensch selbst, der uns nun gegenüber stand. Der nach einen Jahr Haft und Folter und nach seiner Flucht nicht den leisesten Zweifel daran zeigt, dass er von seinem Weg überzeugt ist und ihn weiter gehen wird. Und das trotz allem, was es ihn schon gekostet hat.

Das hat uns auch einmal mehr vor Augen geführt, aus welch privilegierter Situation heraus wir Menschenrechtsarbeit betreiben können. Wir können Briefe oder Artikel schreiben, Interviews führen und uns offen auf der Straße und an Ständen für Themen einsetzen, die uns wichtig sind, ohne dass wir einen Gedanken daran verschwenden müssten, dass wir uns dadurch selbst gefährden könnten.

Das wurde noch einmal besonders deutlich, als Bushra nach einem Gruppentreffen nachdenklich sagte, würden sich im Sudan so viele Menschen zusammensetzen und diskutieren, es wäre „an issue“ also eine Angelegenheit, ein Problem. Im Sudan müsste man damit rechnen, wegen eines solchen Treffens inhaftiert zu werden.

Setzt seine Menschenrechtsarbeit unbeirrt fort: Bushra Hussein im Büro des Amnesty-Bezirks Hannover.

In einem Interview wurde Bushra gefragt, was ihn bei seinem Besuch bislang am meisten beeindruckt oder überrascht hätte. Es wären die Menschen gewesen, war seine Antwort. Er hätte mehr Rassismus und mehr Distanz erwartet, und war dann sehr von der Offenheit und Hilfsbereitschaft der Menschen überrascht, die ihn hier in allem unterstützen.

Dabei sollte natürlich nicht unerwähnt bleiben: Bushra spricht dabei insbesondere von einer Gruppe von Menschen aus der Burgdorfer Amnesty-Gruppe und ihrem Umfeld, die alle sehr viel Zeit investieren, um sich um all seine Belange zu kümmern. Sie haben nicht nur eine Wohnung besorgt, organisieren Fahrdienste zu den diversen Arztterminen, zur Physiotherapie und zum Einkaufen, übersetzen notwendige Informationen und tun, was sonst auch immer anfällt. Sie haben auch Feiern organisiert zur einjährigen Haftentlassung und zu seinem Geburtstag und kommen regelmäßig vorbei, einfach so, um zu klönen und zu sehen, wie es ihm geht.

Feierten gemeinsam mit Bushra Hussein den Jahrestag seiner Haftentlassung: Die Amnesty-Mitglieder Erika Büchse und Thomas Müßel (Juli 2013).

Und so war es für alle Seiten eine sehr positive Erfahrung, denn auch uns wird diese Möglichkeit direkt und unmittelbar zu helfen in positiver Erinnerung bleiben. Was sonst bleibt? Neue Kontakte und Erfahrungen und eine Gruppe von Menschen hier in Hannover und Burgdorf, für die die Konflikte im Sudan wohl nie wieder ein „vergessener Krieg“ sein werden.

 

Weitere Informationen zu Bushra Hussein und darüber, wie Sie Amnesty helfen können, Menschenrechtsverteidiger wie ihn zu schützen, finden Sie auf amnesty.de/sudan

Informationen zur Menschenrechtslage im Sudan finden Sie auf der Homepage der Sudan-Ländergruppe der deutschen Amnesty-Sektion: www.amnesty-sudan.de

Informationen zum Hannoveraner Amnesty-Bezirk finden Sie hier: www.ai-hannover.de

Bild oben:

Bushra Gamar Hussein Rahama während seines Besuchs des Amnesty-Büros in Berlin im August 2013

© Amnesty International/Sarah Eick