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„Klagemauern“ für mehr Gerechtigkeit

01/10/2012 von Monika Wittkowsky (Sprecherin des Amnesty-Bezirks Frankfurt/Main)

Mit einer aufsehenerregenden Street-Art-Aktion machten der Amnesty-Bezirk Frankfurt/Main und der Künstler Dan Witz Mitte September auf die Schicksale von acht verfolgten Menschenrechtsaktivisten aufmerksam.

Die Autorin ist Sprecherin des Frankfurter Amnesty-Bezirks. Sie wurde 1996 in Austin/Texas Amnesty-Mitglied und engagierte sich später u.a. ehrenamtlich als „Volunteer“ in der englischen Amnesty-Sektion in London. Seit 2001 lebt  sie mit ihrer Familie in Frankfurt.

 

Ich weiß nicht, wie es in anderen Städten aussieht, aber bei uns in Frankfurt finden alle Amnesty klasse. Aber sobald es dann darum geht, aktiv zu werden und Petitionen zu unterschreiben, ist die Begeisterung oft schnell wieder verflogen.

Besonders geht es uns so mit jungen Leuten, die entweder keine Zeit haben, oder es wohl uncool finden, in der Fußgängerzone eine Petition auf unseren Klemmbrettern zu unterschreiben.

Wir Mitglieder im Amnesty-Bezirk Frankfurt/Main sind daher immer offen für neue Mittel und Wege, um möglichst viele Menschen für den Einsatz für die Menschenrechte zu gewinnen.

Ab und zu werden wir von einigen der in der Stadt ansässigen Werbeagenturen abesprochen, ob wir nicht mal etwas zusammen auf die Beine stellen können.

Dabei ist natürlich klar, dass das nur pro bono gehen kann, weil wir uns eine teure Agentur gar nicht leisten können und wollen.

Vor knapp einem Jahr – puh, so lange hat die Planung und Durchführung gedauert – kam die Agentur „Leo Burnett“ auf uns zu. Mit ihr hatten wir schon mehrere Male zusammengearbeitet. Zum Beispiel hatten wir einmal Laternenpfähle entlang einer großen Ausfallstraße in Frankfurt mit Galgenstricken versehen, um so auf die Grausamkeit der Todesstrafe hinzuweisen.

Jetzt hatte die Agentur einen neuen Vorschlag für uns: im Internet hatten sie mehr oder weniger per Zufall die Arbeiten des New Yorker Street-Art-Künstlers Dan Witz entdeckt. Genau so wie die Agentur-Mitarbeiter waren auch wir sofort begeistert von seinen Bildern, Grafiken und Installationen. Allerdings wussten wir noch nicht genau, wie wir seine künstlerische Arbeit am Besten mit dem Einsatz für die Menschenrechte verbinden könnten.

Künstler bei der Arbeit: Dan Witz in Aktion in Frankfurt am Main.

Es waren noch einige Meetings nötig, bis wir endlich die richtige Idee und das Konzept gefunden hatten: wir wollten Dan fragen, ob er bereit sei, für ausgewählte politische Gefangene „Installationen“ herzustellen.

Wir haben uns für acht Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger aus fünf Kontinenten entschieden, für Frauen und Männer, die wegen ihrer politischen Aktivitäten im Gefängnis sitzen oder bedroht und verfolgt werden. Bilder von Zellentüren und -fenstern sollten Häuserwände und Mauern zu Gefängniszellen machen, um die Passanten auf ihre Schicksale aufmerksam zu machen.

Aber natürlich wollten wir noch mehr! Wir wollten nicht nur die Aufmerksamkeit der Passanten, sondern wir wollten auch, dass sie etwas tun und aktiv werden.

Die Agentur hatte die Idee, jedes Kunstwerk mit einem Link und einem QR-Code zu versehen. Sie führen auf eine Website, die Informationen über die acht Aktivistinnen und Aktivisten liefert und darüber, wie man sich für ihre Freilassung einsetzen kann. Auf einer virtuellen „Klagemauer“ können persönliche Nachrichten veröffentlicht werden.

Passanten, die ein Smartphone haben und durch die Installationen neugierig geworden sind, können sich dank der Links und Codes informieren und aktiv werden. Entweder sofort noch auf der Straße oder später in de U-Bahn, im Büro oder Zuhause. Dan Witz war von der Idee sehr angetan und stimmte sofort zu.

Die Einzelheiten besprach die Agentur mit ihm. „Leo Burnett“ übernahmen auch die Kosten für seinen Flug und für die Verschiffung seiner Kunstwerke. Meine Aufgabe war es, Dan Witz mit Informationen über die ausgewählten Fälle zu versorgen  und mich um die organisatorischen Dinge in Frankfurt zu kümmern, wie die Genehmigungen von der Stadtverwaltung und der Polizei und die Pressearbeit. Das war zwei Wochen lang fast ein Vollzeitjob.

Auch viele weitere Amnesty-Mitglieder, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Agentur und Dan Witz haben viel Zeit und Energie investiert. Aber der Aufwand hat sich gelohnt!

See video

"Klagemauern" in Frankfurt am Main: Impressionen von den Vorbereitungen (Video auf YouTube anschauen).

Wir waren alle total stolz, als am Morgen des 13. Septembers die Installationen endlich an vielen Orten in der Frankfurter Innenstadt zu sehen waren.

Auch mit dem Verlauf der Pressekonferenz, auf der u.a. Wolfgang Grenz, der Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion, das Projekt vorstellte, waren wir sehr zufrieden. Die Presseresonanz war ausgesprochen gut. Wir waren in sämtlichen lokalen Zeitungen mit Artikeln und Fotos vertreten, eine Fernsehstation und einige Radiosender haben berichtet, auch überregionale Medien berichteten über die Aktion.

Es war ein schönes Gefühl zu sehen, wie im Internet die ersten Einträge auf der virtuellen auf der „Klagemauer“ erschienen. Wir waren alle geschafft – aber auch sehr glücklich!

Vielen Dank an alle, die diese Aktion möglich gemacht haben!

Die virtuelle Klagemauer und die Aktionen von Amnesty sind nach wie vor online. Werdet auch ihr aktiv und macht mit – für mehr Gerechtigkeit!

 

Türkei: Gerechtigkeit für Halil Savda!
http://justice-for-halil.com
http://www.amnesty.de/halil-savda

China: Freiheit für Liu Xiaobo!
http://justice-for-xiaobo.com
http://www.amnesty.de/liu-xiaobo-und-liu-xia

Indonesien: Freiheit für Filep Karma!
http://justice-for-filep.com
http://www.amnesty.de/filep-karma

Russland: Kein Verfahren gegen Igor Kalyapin!
http://justice-for-igor.com
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Bahrain: Freiheit für Nabeel Rajab!
http://justice-for-nabeel.com
http://www.amnesty.de/nabeel-rajab

Guatemala: Schutz für Norma Cruz!
http://justice-for-norma-cruz.com
http://www.amnesty.de/norma-cruz

Iran: Freiheit für Nasrin Sotoudeh!
http://justice-for-nasrin.com
http://www.amnesty.de/nasrin-sotoudeh

Gambia: Freiheit für Amadou Scattred Janneh!
http://justice-for-amadou.com
http://www.amnesty.de/amadou-scattred-janneh

Bild oben:

Aus Häuserwänden wurden Gefängniszellen: Installation von Dan Witz in Frankfurt am Main.

© www.leoburnett.de