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Warum machst du das?

06/06/2011 von Regina Spöttl (Golfstaaten-Länderkoordinatorin, Amnesty International)

Es ist nicht immer einfach, sich für die Menschenrechte einzusetzen. Aber der Einsatz lohnt sich. Eine Hommage an Amnesty zum 50. Geburtstag.

Regina Spöttl engagiert sich seit über 30 Jahren mit Amnesty International für die Menschenrechte, aktuell als ehrenamtliche Länderkoordinatorin für die Golfstaaten. Ihre "Hommage" zum 50. Geburtstag erschien erstmals im Amnesty Journal, Februar 2011.

 

Ich sitze im Café einer guten Freundin gegenüber und erzähle ihr mit leuchtenden Augen von meiner Arbeit für Amnesty International, "meiner" Organisation, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert. Von politischen Gefangenen berichte ich, die verhaftet, gefoltert und misshandelt werden, nur weil sie von ihrem Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hatten, von unfairen Gerichtsverfahren, von Folter und Todesurteilen. Ich spreche über Frauenrechte im Nahen Osten, Müttersterblichkeit und das Recht auf Wohnen in Afrika, über die vielerorts mit Füßen getretene Würde des Menschen, für die wir uns bei Amnesty seit Jahren beharrlich einsetzen. Meine Freundin hört gebannt zu und sagt schließlich:

"Du erfährst also tagtäglich etwas über schreiende Ungerechtigkeit und eklatante Grausamkeiten, liest Berichte über das Leid der Menschen in so vielen Ländern der Welt. Bist du denn noch nicht verzweifelt? Warum tust du dir das an? Wie hältst du das aus? Warum machst du das?"

 

Was für Fragen! Ich halte kurz inne. Dann denke ich zurück an einen eisigen Winterabend vor über dreißig Jahren. Mein Mann war auf Dienstreise, unsere Kinder noch nicht auf der Welt, und ich saß ganz alleine zu Hause vor dem Fernseher. "Amnesty International - Portrait einer Organisation" hieß der Dokumentarfilm, den ich mit wachsendem Interesse ansah. Ich bewunderte die vielen engagierten Menschen, die in dem Beitrag zu Wort kamen und über ihren Einsatz für die Menschenrechte sprachen.

Und dann traf es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Unvermittelt wurde eine Sequenz eingespielt, die mir seit damals unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt ist: In einem namenlosen afrikanischen Staat wurden vier an Händen und Füßen gefesselte junge Männer über einen Strand geschleift. Ein Blick in ihre verzweifelten Gesichter ließ keinen Zweifel zu: Das waren Todeskandidaten. Die Delinquenten wurden brutal an Holzpfähle gefesselt und anschließend von einem Exekutionskommando erschossen, einfach so, ohne Umschweife.

Ich war zunächst schockiert, dann tieftraurig und schließlich wurde ich zornig und wild vor Wut. Was maßen sich die Mächtigen dieser Erde eigentlich an? Warum dürfen Menschen andere Menschen im Namen des Staates töten? Kann man denn als Einzelner dagegen vorgehen? Der Fernsehfilm gab mir den entscheidenden Hinweis: Ja, man kann. Als Mitglied von Amnesty, als Teil dieser rührigen, internationalen Bewegung könnte ich dazu beitragen, dass dieser Horror eines Tages ein Ende findet. Nach einer schlaflosen Nacht rief ich am nächsten Morgen bei Amnesty an und ließ mir die Kontaktadresse einer Gruppe in meiner Nähe geben. Zwei Wochen später war ich aktives Mitglied.

Seither habe ich unzählige Briefe, Postkarten, Faxe und später auch E-Mails an die Machthaber dieser Welt verfasst und auf den Weg gebracht. Ich bin an vielen Info-Ständen in den Fußgängerzonen meiner Wohnorte gestanden, habe mit Passanten oft heiß diskutiert und Unterschriften für Petitionen gesammelt. Ich habe Schulen und Universitäten besucht und versucht, junge Leute - und manchmal auch ihre Lehrkräfte - davon zu überzeugen, wie wichtig Menschenrechte sind.

See video

Seit 50 Jahren leisten gewöhnliche Menschen Außergewöhnliches. Der deutsche Spot zum 50. Jubiläum von Amnesty International. (Video auf YouTube)

Als Länderkoordinatorin für die Golfstaaten bekomme ich immer noch fast täglich Berichte über grobe Menschenrechtsverletzungen, über Todesurteile und Hinrichtungen auf den Schreibtisch. Aber ich weiß jetzt, dass es da draußen ganz viele Menschen wie mich gibt, die bei einer Eilaktion sofort reagieren und mit ihrer Stimme schon manches Leben gerettet haben. Seit langem arbeite ich voller Überzeugung für die Beachtung aller Menschenrechte. Die weltweite Abschaffung der Todesstrafe ist und bleibt für mich jedoch eine Herzensangelegenheit. Mein trauriges Erlebnis an jenem kalten Winterabend vor langer Zeit klingt noch immer in mir nach.

Wie ich das aushalte? Warum ich das mache? Immer noch, nach so langer Zeit? Ja, es stimmt. Manchmal kommen einem auch nach 30 Jahren noch die Tränen, wenn man von misshandelten, gefolterten und getöteten Männern, Frauen und Kindern lesen muss, wenn immer neue perfide Foltermethoden beschrieben werden, wenn die Hinrichtungen in China einfach nicht weniger werden. Aber es gibt auch viele schöne Momente bei der Arbeit für Amnesty. Da treffen Briefe ein, die Gefangene an "ihre" Gruppen schreiben und in denen sie berichten, dass es ihnen viel besser geht, seitdem sie wissen, dass da draußen jemand ist, der sich um sie kümmert. Darum mache ich das.

Die Nachricht, dass ein Todeskandidat begnadigt worden ist, nachdem weltweit unzählige Menschen Briefe und E-Mails geschrieben haben, bringt uns immer wieder zum Jubeln. Jeder Staat der Erde, der die Todesstrafe per Gesetz abschafft, bedeutet einen Etappensieg für uns. Bedauerlicherweise gibt es die Todesstrafe noch immer, doch mittlerweile sind die Staaten, die keine Todesurteile mehr aussprechen oder vollstrecken, in der Mehrheit - und dieser Trend setzt sich seit Jahren fort. Es gibt Licht am Horizont. Darum mache ich das.

Die schönste Belohnung für unsere Arbeit aber ist es, einen ehemaligen Gefangenen persönlich in Freiheit zu treffen, in seine Augen zu sehen, seine Hand zu schütteln und dabei so viel Wärme und Dankbarkeit zu erfahren, dass einem ganz schwindelig wird vor Glück. Wer dieses Privileg jemals erfahren durfte, wird mich verstehen. Darum mache ich das.

Dieser Text erschien erstmals im Amnesty Journal (Februar 2011) - dem Magazin für die Menschenrechte. Bestellen Sie jetzt ein Abonnement und erhalten Sie das Amnesty Journal bequem per Post nach Hause. Für Mitglieder ist das Journal kostenlos!

Ja, ich halte es auch weiterhin aus bei Amnesty International, als ein kleines Rädchen in einer großartigen internationalen Bewegung, die in diesem Tagen 50 Jahre alt wird und die immer noch - und leider mehr denn je - gebraucht wird. Wir werden der Welt auch in Zukunft ins Gewissen reden, für diejenigen sprechen, die man in ihren Heimatländern mundtot macht, uns für die Entrechteten und Schwachen einsetzen, unser Möglichstes tun, um Leben zu retten und den Menschen überall auf der Erde ein wenig mehr Würde zu geben. Natürlich werden wir 2011 unser Jubiläum gebührend feiern.

Unser größter Geburtstagswunsch ist allerdings, dass wir irgendwann einmal nicht mehr gebraucht werden, in einer Welt nämlich, in der alle Menschen in den Genuss der Menschenrechte kommen. Eine wunderschöne Vision, die uns immer wieder neue Kraft für unsere bisweilen schwierige Arbeit gibt. Bis dahin gibt es allerdings noch viel zu tun. Ich bin dabei. Happy Birthday Amnesty!

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Bild oben:

Einsatz für die Menschenrechte: Amnesty-AktivistInnen mit Petition gegen die Todesstrafe

© Amnesty International / Christian Jungeblodt